Der fliegende Holländer . Akt 3 . Bayreuther Festspiele 30.07.2016

Follow-along: https://www.br-klassik.de/programm/radio/ausstrahlung-747290.html ab 01:54

„Steuermann laß die Wacht!“ orchestral perfekt. Der Chor dagegen viel zu schulmäßig. Es ist ein Seemannschor, Freunde! Derbheit ist gefragt. Und die erreicht man nicht durch mäßige rhythmische Abstimmung, die hier leider wieder deutlich ist.
Der Frauenchor ausgezeichnet, und: Sie kommen nicht aus dem Takt! Der Steuermann teils zu vorsichtig. Er muß hineinschneiden!

„Ei seht doch“ – hier ist der rhythmische Wechsel verfehlt, stattdessen wird hinübergestolpert, nicht ausgekostet. Für die Ausreizung der Tempi-Kontraste ist die Doppelchorpassage ohnehin etwas zu zügig gespielt. Die Dynamiken dafür wohl abgestimmt. „Vom fliegenden Holländer wißt ihr ja“ herrlich gepeitscht. „Brennt kein Licht“ und ähnliches zu abgehakt, zu wenig in Dynamik und Tempo auslaufend. Aber diese Passage ist so voller herrlicher Instrumentationen und sprüht so vor Motiven, daß Wagner mal wieder alles mit purer Genialität einglättet.

Der erneute Einsatz „Steuermann laß die Wacht“ gerät zwar zeitlich korrekt aber viel zu langsam, sodaß sie innerhalb eines halben Taktes eine gefühlte Viertelstunde hinterherhängen. Man fragt sich, ob das geprobt wurde. Tut das wirklich Not?

Der geniale Einwurf des orchestrierten Sturmthemas zwischen „…Anker fest, Steuermann her“ und „Wachten manche Nacht bei Sturm und Graus…“ – einer der zahlreichen genialen Nebenmomente dieser Oper – ist ausnahmsweise etwas zu vordergründig und schneidend präsentiert. Denn diese Motiverinnerung lebt von der Dumpfheit, der Verstecktheit, ja der Gespensterhaftigkeit seines Erscheinens.

Was die völlig unnötige Überhöhung der Haltetöne im Blech bei „Klipp und Sturm he, sind vorbei he“ soll, die nun hier wirklich nichts Besonderes von sich geben, weiß der Dirigent wohl selber nicht recht. Jedenfalls paßt die Kraft derselben nicht zur Mannschaft des Holländers, die anfänglich tatsächlich tot scheint. Sie erstehen dann aber in den Strophen auf. Daß die Bläser sich gelegentlich beim wiedereinsetzenden Sturmthema ver- oder sagen wir zerintonieren, schreiben wir mal großzügig dem Gespenstertreiben zu.

Nun Erik geradezu heldentenörig im „Was muß ich hören“. Allerdings in den kraftvollen Höhen nicht ganz souverän. Jedenfalls gekonnt, wenn er auch etwas schummeln muß. Nun paßt auch Sentas Dramatik. Beide in Bestform.
Sodann eine weitere der herausragenden sanften Stellen der Oper: „Willst jenes Tags…“. Absolut beherrscht von Erik. Lyrisch im gleichzeitigen stakkato, wie man es sich schöner nicht denken kann („Auf steilem Felsenriffe“ – „Er zog dahin auf weißbeschwingtem Schiffe“). Manchmal kratzt es. Das stört jedoch nicht. „Als sich dein Arm“ schön weinerlich intoniert. „Sag, war es nicht Versich‘rung deiner Treu!“ herrlich brillant. Ein Genuß!

Der Holländer überzeugend entsetzt in Stimme und voller Kraft, als er hereinbricht. Erik bleibt ausgezeichnet. Das ist selten. Ein sehr schönes Terzett.

Des Holländers Abschlußgesang in perfekten Tempi, und gut gesungen, kraftvoll genug, um völlig verständlich zu sein. Sentas Antwort: Über jeden Zweifel erhaben. „Befrag die Meere aller Zonen“ ebenfalls verständlich, kraftvoll, langsam, dramatisch. Senta beschließt perfekt. Da dürfen einem die Tränen kommen.

Der Orchesterabschluß wie gewohnt meisterhaft.

So rettet sich die Oper ganz im Sinne Wagners: Das Beste zum Schluß. Über die Mängel im Verlauf kann das jedoch nicht hinwegtäuschen. Eine gelungene Opernaufführung erfordert deutlich höhere qualitative Konstanz. Der Patzer waren einfach viel zu viele, als daß man diese Aufnahme erneut hören will.

5 Gedanken zu “Der fliegende Holländer . Akt 3 . Bayreuther Festspiele 30.07.2016

  1. Ich möchte einige Fragen artikulieren, gleichwohl ich aus mangelnder Erfahrung kein ausgebildetes Gehör für die feinen Nuancen besitze, die sich um das Verhältnis von Aufnahme und Aufführung bemühen. I

    hr letzter Satz gibt bereits die Stoßrichtung für meine Kuriosität: „erneut hören“. – Ja! Was bedeutet das en dé­tail für das eben angedeutete Verhältnis?

    Gibt es an sich etwas, was sich nicht reproduzieren ließe für den Zuhörer? Drücken Sie damit gleichzeitig aus, dass das aufgenommene Tonmaterial ohnehin der Volkommenheit der Live-Aufführung ermangele und es deshalb umso wichtiger ist nur die wirklich gelungenen Beispiele nachzuhören? Läge die beste Annährung zwischen Aufnahme und Aufführung nur innerhalb des Individuums, das beides erlebt hat? Was bedeutet das für zukünftige Generationen, die überhaupt nur noch Zugriff auf digitale Überbleibsel hätten? Zumal Ihr Bericht suggeriert, es ginge im Grunde nur noch Bergab mit Bayreuth.

    Ist die Forderung nach perfekten Studioaufnahmen dann nicht umso notwendiger? Ist das vollkommene und permanent anwensende, wiederabrufbare Beispiel nicht die beste Überlieferung, die man bieten kann? An der sich auch zukünftige Zeiten messen, unterrichten, bilden könnten? Oder ist es im Sinne hoher Bildung doch besser, die reine musikalische Notation als zureichenden Grund anzusehen, auf dem sich dann alles andere ableite? Aber das Problem der Interpretation scheint nicht überwunden – dass Bayreuth selbst schwankt, ist Beweis dafür.

    Sie sehen, ich bewege mich auf diesem Terrain sehr unsicher. Und doch habe ich so viele Fragen!

    Liken

  2. Das Verhältnis zwischen Aufführung und Aufnahme ist freilich zu komplex, als daß ich mir anmaßte, diese beiden in Vergleichung zu ziehen. Mein letzter Theaterbesuch einer Holländer-Aufführungen liegt Jahre zurück. Man ist sicher im Falle des Theaterbesuches viel eher geneigt sich auch eine mittelmäßige Vorstellung nochmals zu gönnen als eine Aufnahme, die eben nichts als Klang erzeugt, keine Atmosphäre, kein Schauspiel u. dgl. mehr offeriert. Allerdings wird das meist dadurch vereitelt, daß moderne Regisseure, zumal in großen Häusern, nicht die Gelassenheit besitzen, eine klassische Aufführung, die den Ton begleitet, zu inszenieren, sondern mit einem absurden „Avantgardismus“ alles zunichtemachen, was die Musik an Stimmung und Erzählung aufrichtet. Insofern darf man froh sein, hier nicht dabei gewesen zu sein, sondern nur gehört zu haben.

    Eine gute Aufnahme ist üblicherweise klanglich und gesanglich deutlich besser als die meisten Aufführungen. Zum Teil auch deshalb, weil sie im Studio eingesungen werden. Siegfried Jerusalems Lohengrin in Wien aus dem Jahr 1992 ist ein solches Beispiel. Er soll in den Aufführungen so stark abgebaut haben, daß der dritte Akt völlig unmöglich geklungen habe. Insofern kann man eine derart schöne Gesangsleistung real nie hören, wie sie durch die einzeln aufgenommenen Akte in der Aufnahme gelungen ist.

    Will sagen, ich vergleiche oben durchaus nur Tonaufnahme mit Tonaufnahme. Daß sich in meinen zugegeben exorbitanten Qualitätsforderungen jedoch wahrscheinlich die besten Aufnahmen und meine eigenen Aufführungserlebnisse zu einem unerreichbaren Ideal zusammenfügen, das will ich nicht leugnen.

    Meine Kritik an Bayreuth setzt, wie sie bemerkt haben, schon mit seiner Erbauung und Konzeption an. Daß im letzten halben Jahrhundert zunehmend auch alle Bühnenanweisungen übergangen wurden, ist allerdings weit verbreitet und feiert in Bayreuth bloß seine absurde Selbstverleugnung.

    Ihr Vorschlag einer perfekten Aufnahme ist ja bereits Tatsache. Die großen Dirigenten sind allesamt tot. Ein paar Witzfiguren, wie Thielemann, ziehen ganz im Marxschen Sinne nach („Die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt ist ihre Komödie“). Auch die Orchester werden zusammengestrichen. Gleichwohl ist es ja kein Geheimnis, daß wir mittlerweile seit Jahrzehnten eines echten Heldentenors entbehren. Das alles führt zur Verflachung des musikalischen Niveaus: auf der Ebene der Instrumentalisten, der Dirigenten, der Sänger und der Orchester als Klangkörper. Und was übrig bleibt sind die unzähligen Aufnahmen der Blütezeit der Interpretation sinfonischer Musik, also der Jahre 1960-1990.

    Daß all das wieder aus den bloßen Partituren rekonstruiert werden könnte, würde eine Musiklandschaft erfordern, wie sie bereits heute nicht mehr ansatzweise besteht. Musikalisch ist das Abendland auch in diesem Nacherleben und Interpretieren ja im Grunde bereits ganz alter Musik längst untergegangen.

    Liken

  3. Das erinnert mich (wie könnt ich's je wieder vergessen, wie sehr ich es mir auch wünschte) an den grotesken Rienzi der Deutschen Oper zu Berlin. Sie haben sicherlich davon gehört.

    Brutal gekürzt, das Bühnenbild entstellt, die Geschichte verfälscht, das politische Reinigungsritual vollendet. Ich war blutjung, doch habe ich etwas fundamentales damals begriffen: wenn man's nicht besser wüsste, wenn man nichts anderes kennt, die Supplementation der Musik – frei nach der ganz modernen Gleichsetzung von großer Musik und gewalttätig psychotischer Kontemplation – die so also nur noch in der Lage ist den Größenwahn zu begleiten. Und vor allem habe ich begriffen, wie einfach es ist den erzählerischen Korpus zu vernichten, wenn keine schützende Instanz mehr über das künstlerische Erbe zu walten verstünde. War Bayreuth nicht eigentlich dazu konzipiert, im Wagnerschen Werk kompromislos zu sein?

    Ah! diese Inszenierung war so peinlich. Die Eröffnungsouverture zeigt einen Rienzi aka chaplinschen kleingroßen Diktator, spielend mit der Weltkugel. Wie die Musik, die dämonische Musik, die Stimme aus der Unterwelt unterdrückter Machtansprüche, unseren Possentribunen in Radschlägen und Rollen – vorwärts wie rückwärts – dahinpurzeln lässt. Mehr will ich nicht vergegenwärtigen. Ich fürchte, ich müsste erbrechen.

    Wenn man's nicht besser wüsste! Ja, dann verbindet man Beethoven freilich nur noch mit dem Kubrickschen Milchbuben Alex, Delibes' Blumenduet mit dem Sizilianer aus Tarantinos „True Romance“. Immer die Posse. Immer die Gewalttat. Immer der Kriminelle. Der Schluss aller guten Seelen, die das Erhabene streifen. Lechzen sie vielleicht alle selbst danach?

    Liken

  4. Bezüglich der Aufnahmeproblematik vielleicht noch ein Gedanke. Was dem Wagnerischen Konzept des Gesamtkunstwerkes in seiner revolutionären Kraft gleichkäme, wäre freilich die Nutzbarmachung aller Techniken, die diese Tendenz noch weitertreiben würden.

    Akkumulation aller neuen Kunst- und Ausdrucksmittel! Synthese zum Gesamtkunstwerk zweiter Ordnung! Dort, wo wir heute der Wirkung ermangeln, die uns selbst noch die ungemütlichen Sitzplätze ins Bewusstein treten lassen, da, genau da muss die Versinnlichung der Kunst weitergetrieben werden. War es nicht der Beweis für Wagner selbst, für seine Kunstgewaltigkeit, dass eben niemand Einspruch zu erheben wagte? Dass man ausharrte. Weil man's auch nicht merkte (gleich dem Exzess von Genussmittel, dessen schädigende Wirkung erst am nächsten Morgen gespürt werden. Ähnlich muss es der ersten Generation Wagnerianer ergangen haben)

    Ja, das Theater ist nicht mehr kräftig genug. Würden Sie dem zustimmen? Gesetzt, sie bekämen ein Spektakel Jerusalemscher Qualität vorgeführt: wäre das bereits genug, um die Ablenkungen am Sitzfleisch zu vergessen? Ich überspitze nun gerade selbstverständlich die Sitzangelegenheit, doch sie verstehen.

    Wagner wollte sicherlich auch den dumpfen Klang, um die Ohren zusätzlich zu spitzen, um den Zuschauer selbst zum Hinzufügen der objektiv fehlenden Elemente zu bewegen, zu bannen. Um jeden Preis wollte er die introspektivische Kontemplation im Moment der Aufführung zerschlagen. Sich selbst dabei verewigen.

    Bayreuther Filmstudio: das wäre Fortschritt im Wagnerschen Sinne. Im Herrn der Ringe wurde es vorgemacht. Warum aus Wagner „nur“ einen Klassiker machen wollen? Warum die Festspiele zu einer höflichen Etiquette erniedrigen?

    Liken

  5. Sehr schön, daß Sie den Berliner Rienzi erwähnen. Was hätte man aus dieser Zeitverschiebung machen können, wenn es nicht politisch derartigen aufgeladen wäre. Vor allem aber zeigt es eine andere, mich ernstlich betrübende Krankheit der musikalischen Welt: Sie haben in dieser Aufführung den neben Johan Botha und Ben Heppner den mir einzig bekannten verbliebenen Wagner-Tenor erlebt: Torsten Kerl.

    Und was eigentlich freudig stimmen müßte, das ist deshalb tief betrüblich, weil dieser Mann praktisch bedeutungslos ist. Ich kenne „In fernem Land“ in einer Einzelaufnahme von ihm, aus der ich annehme, daß er mein Lieblings-Lohengrin werden könnte. Er singt den Erik geradezu perfekt, selbst der Tristan – der eigentlich eine etwas dramatischere Stimme verträgt – ist sehr angenehm aus seiner Kehle. Und wo hört man ihn?… Das ist eine Schande! Stattdessen muß man überall diese mit Gewalt aus dem Bariton tenörierende Kratzbürste Kaufmann ertragen.

    Da Sie Filme aufzählen… meine Anregung mich klassischer Musik zuzuwenden (nachdem ich mich offenbar an Kinderzeiten aus Radiozeiten erinnert fühlte) – wir finden, nachdem unser Kulturgang zertrennt wurde, auf irren Wegen zurück – war Elite Final Frontier: https://www.youtube.com/watch?v=S0jSvRa2spE#t=3m10s

    Sie haben absolut recht, die Gewalt Wagnerscher Kunst hat alles andere erträglich erscheinen lassen. Aus einem anderen Grund kann man heute ja praktisch gar nicht mehr in eine öffentliche Aufführung gehen. Es gilt also in verschärfter Form noch immer.

    Ich glaube allerdings, daß das Theater sehr kräftig ist. Ich habe meine erste Holländer- und Wagner-Aufführung ganz klassisch erleben dürfen. Vielleicht haben Sie dergleichen noch nicht erlebt? Aber das ist überwältigend. Gleichwohl mag eine filmische Inszenierung des Bühnengeschehens, wie es durch manche Live-Übertragungen auch schon gelungen ist – etwa die Sichtbarmachung von Gesichtern, also mehr Schauspiels als man von Parkett oder Rängen aus je sehen wird – hier und da eindringlicher sein. Jedoch ist die Mattscheibe eben matt und platt. Es bedeutet für mich etwas anderes, Menschen in einem Raum singen und spielen zu sehen.

    Ich habe in Jena einen betagten Professor kennengelernt, der mir von seinem ersten Bayreuth-Erlebnis erzählte, mit 16 wohl. Tristan. Und wie er andeutete, wann es gewesen sei, da fragte ich ganz zaghaft, wer denn den Tristan gesungen hätte… und bekam die Antwort, die ich nicht wagte, in die Frage einzubinden: Windgassen! Auch so ein Fall. Ja, das sind Namen, für die würde ich stehen. Und freilich würde ich diese Seitenpossen nicht bringen, würde mich nicht über Bayreuther Belanglosigkeiten lustig machen, wenn die musikalische und bühnenästhetische Darbietung mich fesseln würde. Aber die mäßige Klangqualität fordert zur Benennung der anderen Unsinnigkeiten auf.

    Ich denke eher, Wagner war der Effekt des unsichtbaren Orchesters das Entscheidende. Das bezeugt schon seine dramatische Tarnung des Orchesters für die erste und eigentliche einzige Aufführung des grandiosen „Liebesmahls“ in der Dresdner Frauenkirche, sodaß es nach 20 Minuten acapella wie die Ankunft des Herrn selbst aus göttlichen Sphären ertönen kann.

    Bedenken Sie, daß ein Film ganz andere Musik benötigt. Aber ich stimme mit Ihnen überein, daß gutes Bühnenfilmen einen interessanten neuen Eindruck ergeben kann.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.