Der fliegende Holländer . Akt 2 . Bayreuther Festspiele 30.07.2016

Follow-along: https://www.br-klassik.de/programm/radio/ausstrahlung-747290.html ab 00:58

Der erste Akt ist ja durchaus hörbar gewesen, wenngleich wir an einigen Stellen deutlich nachproben müssen — aber wir nehmen das als Einsingen hin. Der zweite Akt dagegen stellt für alle Beteiligten die größere Herausforderung dar.

Das beginnt mit einer sehr feinen Instrumentenführung im Spinnerinnen-Chor, bei welcher mich zwar noch niemand enttäuscht hat… schön ist es trotzdem. Auch der Chor sehr zart und akzentuiert. Mary ein nicht zu dramatischer Alt, wenn auch mit so viel Druck, daß sie dann und wann Schwierigkeiten hat, dem Orchester zu folgen sowie gegen seine Spitzen anzukommen. Die schwunghafte Bewegung des Chores ist ausgezeichnet.

Senta schon im ersten Summeinsatz zu angestrengt und zu alt – ja, ein zu alter Sopran (auf daß es keine Mißverständnisse gebe). Teils falsch intoniert und das nicht einmal korrigiert, d.h. mit übermäßig Druck die unsaubere Intonation gehalten und überspielt. So dramatisch sollte Senta nicht besetzt werden. Zum Ende des Spinnerinnenchors, kurz vor der Ballade: das Blech im Vordergrund mit einer Klarheit, die eine Kurkapelle besser hingelegt hätte.

Dafür paßt der Druck der Senta bestens auf ihre Ballade. Im lyrischen Refrain fehlt es dann allerdings deutlich an Fein- und Gelassenheit. In der letzten Strophe versucht sie die sanften Einsätze und ist deutlich überfordert. Um so kraftvoller das Schmettern. Schnelle Passagen („Ohne Ziel, ohne Rast, ohne Ruhe“), die keine Zeit zum Druckaufbau hergeben, gehen dann auch konsequent im Orchester unter. Der Wechselrhythmus am Schluß der Ballade wieder erwartungsgemäß gut.

Nun springt Erik mit völlig verfehlten Tönen auf die Bühne. Hat er die Partitur gelesen? „Vom Felsen sah sein Schiff ihn nah’n!“ wird nicht besser. Will er das fortführen?

Der Chor ganz wunderbar in den schnellen Antworten auf Mary, wie ein Nadelregen so fein und stichelnd. Mary dagegen gehalten blaß und überfordert.

Im Duett dann Erik offenbar eingesungen. „Mein Herz voll Treue“ fast Kollo’sch. Großartig. Fantastische Besetzung. Bis er in die Höhen muß – und sie gieksend versemmelt. Das Orchester sehr differenziert in dieser Begleitung – man hört jede Feinheit. Wenn nur alles in Bayreuth so feinziseliert hörbar wäre, wie die leisen Begleitungen. Aber zurück zu Erik: Eine traumhafte Stimme, die mir noch ausgeglichener, nicht so weinerlich wie Kollos, erscheint, obwohl er die gleiche wunderschöne Färbung mitbringt. Aber auch im zweiten Refrain vergiekst er den nachgeschobene Höhepunkt. Dafür ist die Artikulation an den richtigen Stellen scharf („von deiner Schwärmerei wohl ab“) und an den richtigen verschlossen („nach Schätzen geizt er nur“), an den rechten Stellen gehaucht. Wirklich ein Jammer, daß er den Standard verreißt, wo die Kür so gelingt. Senta im Duett gut und sehr verständlich.

„Du bist so bleich“ dann doch zu präzise in den Vokalen. Die Passage „Satan hat dich umgarnt“ kraftlos. Die Traumerzählung sehr schmeichlerisch und herrlich dargebracht. Er könnte das R etwas angelsächsischer Rollen. Sonst wunderbar. Der Schluß von beiden kraftvoll, auch wenn das „sprach wahr“ untergeht.

Die Vokale bei Daland sind mir immer noch zu schulmäßig, als er wiederkehrt: „gebannt an deiner Stäälle“. Dafür dann die Arie Dalands ganz präzise und beweglich dargeboten. Bis auf stark abfallenden Druckverlauf der Töne sehr schön. „Würd es dich verdrießen, wenn dieser Fremde“ geradezu ideal. „Ihr Geschlecht“ ist natürlich nicht so tief, wie es sein soll. Da fehlt ihm das Volumen. Aber der Beginn der nächsten Strophe wieder: kein Zweifel. Und dies durchaus keine leichte Passage. „Sieh dieses Band, sieh diese Spangen!“ „Muß teures Kind“ zu gefühllos und akurat. „Mögst Du den edlen Mann gewinnen“ – ganz vom Orchester überzogen, jedoch selten anders zu hören. Merkwürdiger Schluß: „So issie treu“ hab‘ ich so auch noch nicht gehört. Das ist dann vielleicht doch etwas nachlässig.

Das Duett zwischen Holländer und Senta. Der Holländer beginnt großartig fein artikuliert, herrlich in Duktus und Ton. Das leichte Seitintonieren und Nachziehen auf die richtige Frequenz ist ganz wunderbar gelungen und absolut ideal. Auch die zuweilen ins Schluchzen übergehenden Tonwechsel herrlich gekonnt oder zumindest einmalig geglückt.

Senta hat mit dem Druck zu kämpfen: „In wunderbares Träumöön“ u. w. dgl. m. ist. Aber auszuhalten. Der Holländer im Parallelgesang eine Wohltat.

Auch der zweite Teil „Wirst du des Vaters Wahl nicht schelten“ überzeugend. Hier auch das Orchester wieder sehr differenziert in den schwachen Lauten. „In deiner Treu“ vorbildlich ausgespuckt! „Wer du auch seist“ gibt nun Senta sehr schön wieder – dieser Druck kommt ihr wesentlich entgegen. Brillanz fehlt dennoch. Bei „Für meiner Leiden tiefstes Mitgefühl“ gerät der Holländer dann leider deutlich aus dem Rhythmus.

„Welch‘ holder Klang“ ist eindeutig nicht genug gehaucht. Der Kontrast zum „Du bist ein Engel“, das dann präzise artikuliert und kraftvoll dagegen gesetzt werden muß, ist verspielt. „Allewiger durch diese sei’s“ dafür selten kraftvoll. „Nennst ew‘ge Treue du nicht dein“ – ebenfalls sehr schön.

Die folgenden Streicherstiche, welche die Himmelswendung ankündigen – nein, die Genialität liegt nicht im Dirigenten, sondern bei Wagner, das muß man immer wieder vor sich hinsagen – lassen Großes erwarten. Senta kann sich aber auf den neuen Duktus dieses Abschnittes nicht einstellen. Wesentlich zu scharf dargeboten, auch ist die Lautstärke nicht nötig.

„Ein heilger Balsam meinen Wunden“ – wird, weil der Holländer es nicht hergibt – immerhin von den Bläsern gestützt. „Mein Heil hab ich gefunden“ allein eine Orchesterangelegenheit, leider. Der unterstützende Effekt der Stimme fehlt gänzlich. Ist die Luft raus?

Das finale Nebeneinander der Stimmen wenig aufgeräumt und erst in der Schlußwendung ohne Orchester gelungen.

Daland kommt zu vokalbetont zurück. Hier muß er natürlich gänzlich volkstümlich hereinstolpern. „Gelob ich Treu“ Sentas dann völlig überzeugend. Das läßt auf den Schluß hoffen.

 

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