Der fliegende Holländer . Akt 1 . Bayreuther Festspiele 30.07.2016

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Bayreuth – das ist keine Stadt, kein Qualitätssiegel für gute Wagnerinterpretationen, aber ein rituelles Zeitfenster, sich einmal wieder mit dem geschätzten Meister zu befassen. Vor allem aber ist es alle Jahre wieder ein großes Leiden unter der mangelhaften Akustik des Hauses. Ja, mangelhafte Akustik.

Mit dem Klangkörper Bayreuth verhält es sich wie mit den Sitzgelegenheiten im Festspielhaus: Nu isses einmal so, und zwar im Sinne des Meisters, also ist es gut so, ja Heiligtum. Man sitzt stundenlang wie auf einem Donnerbalken und feiert doch gerade diesen abscheulichen Zustand wie jeder echte Wagnerianer wo immer er davon zu sprechen Gelegenheit hat. Ob deshalb mehr, um seine Härte gegen sich selbst zu bezeugen oder schlicht seines Stolzes wegen, zur erlesenen Leidenszunft zu gehören, oder immerhin um die historisch-brandschutztechnischen Umstände kund zu tun, das ist der Menschenkenntnis jedes Einzelnen zu überlassen, der sich dergleichen Schwärmereien anzuhören genötigt wird. Eines steht fest: Mit dem verdeckten Orchestergraben verhält es sich genauso.

Ja, der Klang ist dumpf, der Klang ist gedeckelt. So ist das nun mal, wenn man den Klangkörper zudeckt. Ist wirklich irgend jemand der Auffassung, man sollte die Sänger auf der Bühne in Telefonzellen setzen, in deren Verglasung man dann ein kleines Loch schneidet? Oder die heimischen Lautsprecher in Truhen zu versenken und einen kleinen Schlitz hineinzubohren? Wer sollte das tun? — Sehen wir der Sache ins Gesicht: Der verdeckte Orchestergraben ist ein Idée fixe des Filmregisseurs Richard W., der dem Bühnengeschehen die Musik geopfert hat. Gut, daß wir einmal darüber gesprochen haben. Nun zur Sache.

Nur eines noch im Voraus: Die dumme Rede vom „skrupellosen Geschäftsmann Daland“, die man sich in jeder Kurzeinführung des Werkes anhören muß… welcher seit Jahrzehnten vom goldverseuchten Rheinwasser besoffene Möchtegernrevoluzzer hat sich das nur ausgedacht? Daland ist nicht der böse Geschäftsmann, sondern der praktische Vater. Nicht mehr, nicht weniger. Mon Dieu!

Richard Wagner

Aber nun sprechen Bühne und Orchester… und das bedeutet leider: Das gedeckelte Orchester. Das hat sogleich Folgen für der Ouvertüre. Beim Ausklingen des ersten Hauptthemas ist der Stereoeffekt der sich abwechselnden Echos des Orchesters praktisch nicht wahrnehmbar. Dies ein Umstand, der in dieser echoreichen Oper noch mehrfach negativ auffallen wird.

Das Tempo des Vorspiels ist zu anfangs relativ hoch, zu hoch, für meinen Geschmack dieser doch typisch Wagner-gewaltigen Musik, welche auch Wagner-Breite fordert. Doch hab‘ ich schon Schlimmeres erlebt. Die Streicherkaskaden zerfließen sehr ungünstig, sodaß der Darbietung die typische Knackigkeit der Streicherintonationen dieser Passagen ganz fehlt. Auch das ein Ergebnis der Grabendeckelung. Das kann man anderswo um Längen besser hören. Manche Pizzicati gehen ganz im Orchesterflirren unter, sodaß man passagenweise glaubt, man entdecke gerade eine bisher verschollene Partiturfassung.

Insgesamt eine meistenteils sehr weichgespülte Interpretation, die nur in Ausnahmefällen die feine Instrumentierung offenzulegen vermag, und an keiner Stelle genügend Akzente in Rhythmik und Dynamik setzt. Aber wie gesagt, wie soll man Akzente eines verschlossenen Orchesters hören, so sie vorhanden? In diesem Sinne – und ich habe das in Bayreuth noch nie anders vernommen – verglüht denn auch der herrliche Wechselrhythmus am Schluß der Ouvertüre wie eine Dezitonne Federweißer in der Stratosphäre.

Sodann der Einstiegschor. Hier ist das Orchester sehr viel differenzierter zu hören. Dafür der Chor nicht. Daland zunächst herrlich, wunderbar artikuliert, sicher, mit genügend Reserven für schauspielerische Feinheiten. Ein Traum, glaubt man. Lispelt ein wenig. Das Orchester sehr lyrisch. Dann dauert‘s nicht lang, da fehlt dem Daland die Luft, die Kraft, die Schlußtonpräzision. Vielleicht minor details. Hier zeigt sich der süffig-lässige Einlauf des Bühnenteils: Die erste Viertelszene ist durchaus besonders sängerfreundlich in Mitteltönen gehalten, dann wird’s schwieriger.

Der Steuermann souverän, ohne große Mängel. Schwimmen tut er trotzdem. Da hilft’s auch nicht, wenn er die Töne besonders lang auslaufen läßt. Etwas mehr Klarheit, Brillanz hätte nicht geschadet. Die zweite Strophe besonders sanft angegangen, gelingt nur jeder zweite der langgezogenen Töne. Zeitchen nach jeder Intonation hat seine Stimme Schwierigkeiten den Ton zu finden, bis er sich in höherer Spannung und am Ende wieder fängt. Nicht schön, wenn man mit dem Sänger mitfiebern muß. Man will doch nicht aufs nächste Fremdschämen warten. Dafür ist das Orchester jetzt klarer geworden, was aber mehr an der Instrumentierung Wagners liegt, als an den Umständen in Bayreuth. Und immerhin erlaubt sich das Blech auch ziemlich schiefe Intonationen.

Der Holländer tritt auf: Guter erster Eindruck. Ein ziemlich stark nach innen singender Bariton. Darf er aber. Der Holländer muß nicht brillant sein. Aber Kraft braucht er dann. Dieser aber hat eine Stimme, als sei sie durch einen heftigen Dynamik-Kompressor gelaufen. Das liegt auch an der Position des Holländers auf der Bühne, aber das muß der Regisseur natürlich berücksichtigen. Schmettern verendet jedenfalls hier in Hauchen, Druck in Unterdrückung. Daher geht er auch gegen ein etwas lauteres Orchester völlig unter. Dafür darf man eine wunderschöne Artikulation in der Mitte vernehmen. Diese ist geradezu ideal und bringt die Schönheit des Beginns wieder. — „Schlägt bang das Kreuz“ – was in aller Kraft gehaucht werden muß, gerät zu einem Fall für den Hörtest. „Niemals der Tod“ geht so ziemlich in heißerem Kreischen daneben…
Weiter geht’s völlig außer Takt „Bedingung mir gewann“. Das sollte schon sitzen. „Um ew‘ge Treu auf Erden ist’s getan“ dann durchaus, als hätte er sich jetzt fertig eingesungen, um sogleich wieder im Orchester unterzugehen. Der Chor versemmelt schließlich sein „Ewige Vernichtung, nimm uns auf“ mit Reibelauten, die manchem Winkelschleifer zu Neid verhelfen würden.

„He, Holla, Seemann!“ ist ganz an die Fähigkeit des Basses angepaßt, kurz, zaghaft, ängstlich als schale Rufe in einen Blecheimer. Hier und insbesondere seit dem Sprechgesang wird Daland ganz zu einem übergenau artikulierten Bariton. Das ist eine große Leistung, als Baß. Paßt allerdings überhaupt nicht in eine Wagneroper.
Das angenehme an dem untergehenden Bariton des Holländers ist, daß man die Orchesterbegleitung nun sehr präzise zu hören bekommt. Ein seltenes Glück.
Das Duett zwischen Daland und Holländer ist gespickt von unkonzentrierter Tonhaltung und fehlendem Druck in der Stimme. „Sie sei mein Weib“ kaum zu hören, wo doch eigentlich… na, Sie wissen schon. Daland wie gesagt sehr hell und teils überartikuliert. Das kann Manchem gefallen. Mir nicht. Daß bei derart lautem Orchester dann auch noch unsaubere Rhythmen zwischen Sängern und Instrumenten entstehen, ist schwach.

„Wohl Fremdling hab ich…“ beginnt nun Daland wunderbar, mit springender Stimme, herrlicher Artikulation, aber dann vergeht ihm ein Ton im Quieken. Daraufhin scheint er eingeschüchtert und kapituliert vorm Orchester. „Wenn aus der Qualen Schreckgewalten“ noch einmal eine sehr schöne Leistung des Holländers in den Mitteltönen. Jetzt werden insbesondere im Vergleich mit der Wagner-gerechten Artikulation des Holländers die übertrieben Mozartsch und geradezu schauspielerisch gesprochenen Ä und I und E des Daland sehr unangenehm. Und auch der „Siedwind“ des Steuermanns ist im nicht-Böhmischen immer noch der „Südwind“. Daland hätte Schubertlieder singen sollen. „Mein Schiff ist fest, es holt dich sicher ein“ wieder mit schweren rhythmischen Fehlern.
Der Schlußchor ausgezeichnet, solang das Orchester nicht einsetzt. Denn auch hier ist die rhythmische Abstimmung mit den Instrumenten schulkonzertant. Aber der Dirigent gibt alles, den Rückstand wieder aufzuholen… peinlich, peinlich. Man hätte vielleicht doch einen Tick langsamer machen sollen, die Herren.

Das wollen also die Festspiele sein. Nennen wir sie in Ermangelung freundlicherer Bezeichnungen zunächst Jugendfestspiel. — Das war der Bayreuther erster Streich. Doch der zweite folgt sogleich.

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